Christoph Bertram

Immer auf der Sonnenseite: einzigartiges Passivhaus am Rande der Weißen Karpaten

Bei diesem Eigenheim in der Slowakei muss man zweimal hingucken, mindestens. Von jeder Seite erscheint es dem Betrachter anders, mal wie eine übergroße Metallbox, mal wie ein riesiger Holzscheit. „Die Bauherren, ein junges Paar, wünschten sich ein naturnahes Haus“, erläutert Architekt Martin Šichman. „Ein energetisch autarkes Wohnhaus im Passivhausstandard, das zudem die Möglichkeiten und Voraussetzungen für ein unabhängiges Leben mit Selbstversorgung bietet.“ Damit sich das alles realisieren ließ, richteten er und sein Kollege Boris Meluš den Grundriss und die Fassade des Hauses ganz nach dem Lauf der Sonne aus.

Außenansicht eines Passivhauses aus Holz und Metall von der Seite


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Ein Passivhaus mitten im Grünen, Südseite mit 15 Dachfenstern.


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Ein Passivhaus mit Schrägdach für maximale Lichtaufnahme

So ist ein sechseckiger Bau entstanden, der sich nach Osten und Süden hin ausdehnt und öffnet, sich nach Norden und Westen hingegen eher zusammenzieht. Auf diese Weise fängt das Passivhaus die Sonnenstrahlen bestmöglich ein. Die Südseite ist in großen Teilen als Schrägdach konzipiert und lässt dank 15 Dachflächenfenstern viel Tageslicht ins Innere. Auf der Nordseite befindet sich lediglich ein Fassadenfenster. Im Osten sorgen drei kleinere Fenster und ein großes, das über zwei Geschosse verläuft, für viel Licht am Morgen. Im Westen lässt ein großes Fenster auch die letzten Sonnenstrahlen des Tages herein.

Wie einst das Sonnenhaus des Sokrates

Im wahrsten Sinne des Wortes ein einleuchtendes Konzept. Zumal das Gebäude als Passivhaus seine Energie großteils von der Sonne bezieht. Das Prinzip ist ähnlich wie beim Sonnenhaus des Philosophen Sokrates, der sich schon vor 2.500 Jahren Gedanken über eine effiziente Nutzung der Solarenergie im Sommer wie Winter gemacht hat.

Doch so schön es auch klingt, bei der Planung gab es ein Problem. Das Haus befindet sich zwar in einer malerischen Landschaft am Rande der Weißen Karpaten – aber zugleich am Fuße eines bewaldeten Abhangs, der Richtung Süden ansteigt. Wenn die Sonne im Winter tief steht, werfen Abhang und Bäume lange Schatten bis dorthin, wo das Passivhaus liegt. Ein anderer Standort weiter nördlich war nur bedingt möglich, denn dort verläuft ein Bach mit dichtem Baumbewuchs.

Auf Stelzen näher zur Sonne

Wenn es nach vorne und hinten, links und rechts keine Ausweichmöglichkeit gibt, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen, dachten sich die Architekten. Ihre Lösung: Ab in die Höhe. Das Gebäude fußt deshalb auf 19 Stahlstützen, einen Meter über dem Erdboden. Diese Erhöhung reicht aus, ergaben die Sonnenstandsberechnungen, damit das Haus auch im Winter die Energie der Sonne einfängt. Ein weiterer Vorteil: Durch diese Lösung lässt sich im Sommer die aus dem Wald strömende frische Luft nutzen, um das Passivhaus zu kühlen.

Schematische Darstellung des Lichtkonzepts eines Passivhauses für Winter und Sommer (5.2)


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Im Inneren setzt sich das Konzept des Sonnenhauses fort: In der Art von Gewächshäusern fängt es die Sonne ein und leitet Licht und Energie durch Glaswände mit Fenstern weiter. Ein anderer Clou sind die versetzten Geschosse: Die Räume Richtung Norden liegen ein halbes Geschoss über den südlichen Zimmern und erhalten durch die Glastrennwände das ganze Jahr über Sonnenlicht. Zwischen den Geschossen befindet sich eine Art Atrium, das sich tatsächlich als Gewächshaus nutzen lässt.

Titanzink und Holz verleihen dem Passivhaus Charakter

Neben dem Fassadenschnitt und der Stützenkonstruktion sorgen vor allem die Materialien der Außenhaut für das besondere Erscheinungsbild. Das Haus führt vor, wie schön sich Holz und Metall ergänzen. Die West- und Ostfassade sowie der zurückspringende Teil an der Südseite erhielten eine Holzbeplankung. Die restliche Südfassade, das gesamte Dach und die komplette Nordfassade bestehen aus Titanzink, das der Hersteller Rheinzink aus dem nordrhein-westfälischen Datteln geliefert hat.

Innenansicht eines Hauses aus Holz im Entstehen
Das Fundament dieses Passivhauses stehend auf 19 Stahlstützen.
Grundriss eines Passivhauses, Erdgeschoss
Detailansicht eines Fensters in einer Holzfassade
Querschnitt eines Passivhauses
Baustelle: Ein Passivhaus mit entsteht
Dämmung eines Passivhauses: Strohballen werden eingestapelt


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Titanzink bildet durch Regenwasser und das Kohlendioxid in der Luft eine schützende Patina, auch nach Beschädigungen. Das macht dieses Baumetall wartungsfrei und langlebig und – wie hier – zu einem beliebten Material für die Fassadenbekleidung und als Dachdeckung. Wer keine Lust hat zu warten, bis sich die Patina gebildet hat, kann sich dank eines speziellen Beizverfahrens von Rheinzink gleich ab Werk den Farbton liefern lassen, den das Metall durch die natürliche Bewitterung nach und nach erhält.

Familienzuwachs und Hauserweiterungen mit eingeplant

Das junge Paar hat sein Traumhaus bekommen. Da das Budget allerdings begrenzt war, haben die Architekten das Gebäude und die Haustechnik derart geplant, dass es sich nach und nach weiter ausbauen lässt. „So ist beispielsweise das Schrägdach für die Installation von Photovoltaikelementen, erläutert Boris Meluš.

Sie haben das Konzept des Passivhauses außerdem auf Familienzuwachs ausgerichtet und den Innenbereich daher nur zum Teil ausgebaut. Bei Bedarf können die Bauherren selbst Erweiterungsarbeiten vornehmen. Mittlerweile wohnen sie rund sechs Jahre in dem Haus. „Die Nutzung hat gezeigt, dass das Prinzip des Sokrates-Sonnenhauses trotz der schwierigen Lage bestens funktioniert“, resümiert Meluš.

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