Gabriele Wende

Das Reetdach: Natur pur auf dem Dach

Überall auf Sylt, aber auch auf der Insel Rügen und in Hamburg sind sie zu finden: Die Rede ist von Häusern mit Reetdach. Das imposante Dach weckt nicht nur Urlaubserinnerungen: Das Naturmaterial hat viele praktische Eigenschaften, die sich die Eigentümer zu Nutze machen können. Welche das im Einzelnen sind und worauf Sie bei einem Reetdach unbedingt achten sollten, verraten wir hier.

Das Material des Reetdaches

Bei Reet handelt es sich um getrocknetes Schilfrohr. Der große Vorteil: Selbst bei hoher Feuchtigkeit verrottet Schilf nicht. Pilze und Fäulnisprozesse stellen keine Gefahr für die natürliche Dachbedeckung dar. Aus diesem Grund ist es gerade an der Küste, wo die Luft immer feucht ist, so beliebt.

Vor dem Einsatz auf dem Dach werden die Schilfrohre gepresst und mithilfe von Drähten zu dicken Bündeln verarbeitet. Auf diese Weise entstehen im Innern große Luftkammern, die sowohl als Wärme- als auch als Schallschutz dienen.

Dachneueindeckung mit Reet
Detailaufnahme vom Reetdach


Foto:

Der Aufbau eines Reetdaches

Die geschnürten Bündel aus Reet werden zu Beginn der Arbeiten auf den Dachlatten verteilt. Die Neigung der Dachfläche darf dabei nicht unter 45 Grad liegen. Andernfalls würden Regenwasser, Schnee und trockene Blätter nicht so leicht vom Dach heruntergeleitet und sich womöglich stauen.

Reetdächer werden vorwiegend auf einem sogenannten belüfteten Dach (früher: Kaltdach) aufgebaut. Das Dachgeschoss bleibt bei dieser Dachform unausgebaut. Im Vergleich zu einem unbelüfteten Dach (Warmdach) gibt es bei einem belüfteten Dach zwischen der wärmedämmenden Schicht und der Dachabdichtung eine Luftschicht. Diese sorgt für genügend Außenluft in der Dachkonstruktion und gewährleistet eine bessere Belüftung. Dank der zirkulierenden Luft ist das Reetdach auch dann schnell wieder trocken, wenn Regen in die äußere Dachschicht eindringt.

Eigentümer eines ausgebauten Dachgeschosses können sich dennoch für ein Reetdach mit Kaltdachkonstruktion entscheiden: In diesem Fall ist es wichtig, dass eine zweischalige Konstruktion vorliegt, um für ausreichend Zugluft zu sorgen.

Traditionelle Dächer: ein Haus mit Reetdach (H)
Neu gedecktes Reetdach


Foto:

Die Konstruktion

Drei verschiedene Arten bieten sich für den Aufbau des Reetdaches an: Das Dach kann gebunden, genäht oder geschraubt werden. Beim gebundenen Reetdach wird das Reet lediglich mit einem Vorlagedraht an den Dachlatten befestigt, während es beim geschraubten Reetdach zusätzlich mit Schrauben montiert wird. Bei der genähten Variante werden die Bündel ebenfalls mit einem Draht an den Dachlatten befestigt, jedoch kommt hier kein Vorlagedraht zum Einsatz.

Vorteile eines Reetdaches

Reet sorgt für ein angenehmes Wohn- und Raumklima: Die Hohlräume der einzelnen Schilfrohre bilden eine isolierende Schicht und bewirken einen langsamen Temperaturausgleich zwischen Innen- und Außenluft. Wärme und Kälte können so innerhalb des Hauses optimal zirkulieren, was ganzjährig ein ideales Raumklima schafft.

Darüber hinaus bietet Reet einen guten Wärme- und Schallschutz: Nicht nur auf die Temperatur haben die Hohlräume Einfluss, sondern auch auf die Geräuschkulisse. Schallwellen werden deutlich schlechter übertragen als bei anderen Materialien. Reet gilt daher als natürliches Dämm- und Schallschutzmittel.

Reetdach bei Regen


Foto:

Aber das ist noch nicht alles: Reet werden besonders elastische, tragfähige und biegsame Eigenschaften nachgesagt. Für eine einheitliche und wasserabweisende Dachfläche also optimale Voraussetzungen.

Was kostet ein Reetdach?

Die Ausgaben für ein Reetdach sind im Durchschnitt doppelt so hoch wie bei einem Dach mit Ziegeln. Zu den Ausgaben für das Material, die aufwendige Konstruktion und die längeren Bauzeiten kommt ein erhöhter Aufwand für Pflege und Versicherung hinzu.

So besteht etwa das Risiko von Schimmel- und Pilzbefall bei zu feuchtem Reet. Auch Schädlinge können dem natürlichen Material schaden und die Dachbedeckung angreifen. Empfehlenswert ist, den Dachzustand jährlich überprüfen zu lassen. Das sichert die Haltbarkeit des Daches und schützt langfristig vor bösen Überraschungen.

Das natürliche Material ist zudem leicht entzündlich. Das macht das Reetdach leicht angreifbar und empfindlich. Ein kleiner Funke kann genügen, um den ganzen Dachstuhl in Brand zu setzen. In vielen Küstenregionen ist es daher verboten, Feuerwerkskörper zu entzünden.

Traditionelle Dächer: ein Haus mit Reetdach und Kapitänsgiebel


Foto:

Der Versicherungsschutz für ein Reetdachhaus ist deutlich teurer als bei einem Gebäude mit Dachziegeln. Zur Orientierung: Der Aufwand für die Feuerversicherung richtet sich nach der Wohnfläche und liegt meist zwischen 400 bis 800 Euro.

Ein Reetdach decken: Hier sind Spezialisten gefragt

So einfach es aussieht: Nicht jeder Dachdecker ist in der Lage ein Reetdach anzufertigen. Hierfür gibt es Spezialisten – und diese sind rar gesät. Ein Reetdecker braucht Erfahrung, Gefühl für Material und Handwerk. Gefragt sind zudem Kreativität, gestalterische Fähigkeiten und körperliche Fitness. Die Reetdachdeckerei hat ihre ganz eigenen Mitarbeiter und sogar ihre eigenen Azubis: Das Gewerbe gilt als eigenständiger Ausbildungsberuf.

Jetzt weiterlesen: Traditionelle Dächer in Deutschland – vom Reetdach bis zum Biberschwanz.

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten: