Christoph Bertram

Aus 16. Jahrhundert: Uralter Fachwerk-Resthof wird wiederbelebt

DachDirekt: Was für ein Projekt! Wie seid ihr auf dieses historische, aber sträflich vernachlässigte Schmuckstück aufmerksam geworden?

Charlotte Rothert: Zu unserem Hof gehörten ursprünglich eine weitere Hofstelle nur 200 Meter entfernt und 12 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Eigentümer waren zwei Junggesellen, nach deren Tod alles an eine Erbengemeinschaft übertragen wurde. Im Sommer 2019 kam ein Bekannter auf uns zu, der Interesse an den Flächen, aber eben nicht an den Höfen hatte. Mein Vater, der bereits drei Höfe restauriert hat, erzählte uns davon. Dann haben wir uns eines Sonntags – ziemlich skeptisch – auf den Weg gemacht, um uns das komplett zugewucherte Gelände anzuschauen. Tja, da haben wir uns einfach in den traumhaften Giebel verliebt.

Der Giebel ist wirklich bemerkenswert. Was habt ihr mit ihm vor?

Absolut! Er ist atemberaubend und einer der Hauptgründe, warum wir das Projekt angehen. Wir werden ihn erhalten, stellenweise ausbessern und wenn alles fertig ist, natürlich gut in Szene setzen.

Was war die größte Überraschung auf dem verwaisten Hof?

Wir waren von Anfang an auf alles gefasst, dafür haben der Gesamteindruck und die bis obenhin zugemüllten Räume gesorgt. Klar gab es ein paar Momente, bei denen wir ungläubig innehalten mussten. Zum Beispiel als wir die, sagen wir, Spielecke im Hühnerstall mit Unmengen an Pornoheften gefunden haben, oder die Nazizeitungen und Bücher aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Witzigste war die im Keller schwimmende Schaufensterpuppe und 50 Jahre altes Klopapier während Corona. Aber wir sind ja auch noch nicht fertig …

Resthof Talge: Giebelseite Stall
Resthof Talge: Eingangsbereich
Resthof Talge: Giebelseite Wohnhaus
Resthof Talge: Giebel von unten
Resthof Talge: Luftansicht Haus im Wald


Foto:

Wieso habt ihr euch entschieden, hier euer Zuhause zu schaffen, mitten auf dem Land?

Ich stamme aus der Nähe und hatte eine Wohnung in Kiel, allerdings hat es mich beruflich nach Osnabrück verschlagen. Daniel ist gebürtiger Wiener. Für uns beide war klar, dass wir irgendwann einmal ländlich im Umkreis von Osnabrück wohnen wollen. Wir lieben unsere Unabhängigkeit, den Platz und die Natur. Außerdem bin ich gelernte Landwirtin und fühle mich auf dem Land einfach wohl.

Was macht ihr beruflich und wie findet ihr Zeit für diese Mammutaufgabe?

Daniel ist selbstständiger IT- und Onlinemarketing-Spezialist. Ich bin landwirtschaftliche Unternehmensberaterin und habe vergangenes Jahr ein Start-up in Osnabrück gegründet. So richtig viel Zeit bleibt also nicht. Wir sind jedes Wochenende da und übernehmen Handlanger- und Aufräumtätigkeiten. Das geht nur, weil mein Vater inzwischen im Ruhestand ist und uns mit Erfahrung, Ehrgeiz und voller Tatendrang zur Seite steht. Er hilft uns, den Überblick zu wahren und hält uns an langen Tagen den Rücken frei.

Bei eurem Projekt spielt sicher der Denkmalschutz eine Rolle.

Ja, eine große. Das Haus wurde 1548/49 erbaut und ist komplett denkmalgeschützt. Die Diele ist noch original und eine absolute Besonderheit. Bevor wir den Hof gekauft haben, war ich mit Skizzen und Auszügen aus meiner Pinterest-Pinnwand bei der zuständigen Denkmalschützerin. Ich wollte wissen, ob es möglich ist, unsere Wünsche mit ihren Vorgaben unter einen Hut zu bekommen. Als das klar war, konnten wir loslegen. Der Denkmalschutz liefert uns viel historisches Wissen und begleitet uns beim Umbau.

Resthof-Talge: Charlotte Rothert


Foto:

Was habt ihr mit dem Dach vor und womit werdet ihr es eindecken?

Unser Dach wird originalgetreu wieder aufgebaut. Fehlende oder marode Balken und Sparren werden ersetzt. Gedeckt wird mit roten Dachziegeln wie es im Artland auf Fachwerkhöfen üblich ist. Über die Anzahl und Position der Dachflächenfenster im Wohnbereich sprechen wir aktuell mit dem Denkmalschutz.



Info: Das Artland

Das Artland ist eine Landschaft im Landkreis Osnabrück, Niedersachsen, genauer gesagt im Bereich der Stadt Quakenbrück. Neben der Samtgemeinde Artland bezeichnet der Begriff den dortigen Natur- und Kulturraum. Geprägt ist der Landstrich von Wiesen, fruchtbaren Äckerböden, Wallhecken und kleinen Wäldern sowie mehr als 700 Fachwerkhöfen von historischem Wert. Wie andere norddeutsche Geestlandschaften auch wurde das Artland wesentlich durch die letzte Eiszeit gestaltet und bietet einen reichen Schatz an bäuerlicher und kultureller Vergangenheit.



Wie sieht euer Zeitplan aus?

Der Projektbeginn war im Februar 2020. Seitdem heißt es vor allem erst einmal aufräumen und entsorgen, durchforsten et cetera. Baubeginn soll etwa im Dezember sein, wobei es zunächst um den Denkmalerhalt geht, dann um die Umnutzung beziehungsweise den Umbau, circa ab Mai 2021. Fertig sind wir dann hoffentlich spätestens im Winter 2022.

Was ist die größte Herausforderung für euch?

Puh, da sind wir uns nicht ganz einig. Wir haben großen Respekt vor dem gesetzten Budget und dessen Einhaltung, obwohl einige das weniger als Problem sehen. Ein weiteres Thema ist aktuell die Raumaufteilung und die Gestaltung der Hof- und der Außenanlagen. Das Projekt ist ja nach der Sanierung nicht fertig, sondern wird noch viel Arbeit, Zeit und Geld kosten.

Könnt ihr schon eine Hausnummer abgeben, wo ihr kostenmäßig am Ende voraussichtlich landet?

Wir haben vor dem Kauf verschiedene Schätzungen von Fachleuten nachgefragt und mit einem Finanzierungsberater gesprochen. Uns ist klar, dass wir mindestens einen mittleren sechsstelligen Betrag für das Haupthaus einplanen müssen. Wir wählen den Mittelweg: Wir wollen keine schwerwiegenden Kompromisse machen müssen, aber das Vorhaben soll auch eine gesetzte Grenze nicht überschreiten.

Zum Glück gibt es Fördermittel für Sanierungen.

Richtig. Wir können KfW-Fördermittel nutzen und natürlich die Denkmalabschreibung für Abnutzung: 90 Prozent der Summe, die wir in den Erhalt oder Wiederaufbau eines Denkmals stecken, können wir steuerlich geltend machen. In den nächsten 10 Jahren je 9 Prozent per anno.

Resthof Talge: Dachstuhl von innen
Resthof Talge: Seitenansicht Baum im Haus
Resthof Talge: Durchfahrt Scheune
Resthof Talge: Seitenansicht kaputtes Dach
Resthof Talge: Architektenplan


Foto:

Wie habt ihr die richtigen Experten für euch gefunden, vom Architekten bis zum Dachdecker?

Mein Cousin ist Dachdeckermeister und hat sich mit seiner Zimmerei Holzbau Budke auf den (Wieder-)Aufbau und die Sanierung von Fachwerkhäusern spezialisiert. Er war mit uns vor dem Kauf mehrfach vor Ort und steckt viel Leidenschaft und Fachwissen in das Projekt. Unsere Architektin ist absolute Spezialistin im Thema Denkmalsanierung und energieeffizientes Bauen und hat einige ähnliche Projekte gemacht. Und der Bauunternehmer ist ein guter Freund, der genau wie die Architektin und der Zimmermann schon die letzten beiden Projekte mit unserer Familie realisiert und gute Arbeit geleistet hat.

Habt ihr neben der Restaurierung irgendwelche besonderen Baumaßnahmen beziehungsweise Installationen geplant?

Unsere Affinität zur Digitalisierung und Automatisierung können wir nicht leugnen. Wir wollen einen tollen Kontrast aus Tradition und Moderne schaffen. Wir beschäftigen uns also intensiv mit modernen Wohnkonzepten und mit dem Thema Smart Home. 2021/2022 wird unser Grundstück mit einem schnellen Glasfaseranschluss ausgestattet. Die Voraussetzungen sind also gegeben. Außerdem ist uns ein nachhaltiges, effizientes Energiekonzept wichtig. Mal schauen, wie sich das realisieren lässt.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Worauf freut ihr euch am meisten, wenn euer Traum Wirklichkeit geworden ist?

Wir wollen spätestens Weihnachten 2022 drin sein. Das wird sportlich, aber machbar. Wir freuen uns auf mehr Platz und darauf, endlich zuhause zu sein. Allein das Flett, also der zukünftige Eingangsbereich, ist größer als unsere kleine Wohnung, in der wir aktuell wohnen, weil wir jeden Cent sparen wollen. Wir freuen uns auf Ruhe, Natur und schöne Abende mit Freunden in einer tollen, großen, offenen Küche und den angrenzenden hellen Wohnbereich. Und auf einen Ankleideraum und ein großzügiges Badezimmer.

Tipp: Mehr zu dem Projekt finden Sie im Baublog von Charlotte und Daniel auf Instagram: @german_farm_metamorphose

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